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  • Christina

Muskeln aufbauen an der Hand

Aktualisiert: 1. Mai


Die Arbeit an der Hand ist nicht nur als Vorbereitung für das Reiten optimal, sondern auch als Aufbautraining nach längerer Krankheit oder Verletzung und besonders für ältere Pferde geeignet. Mit Handarbeit kann man die Pferde mobilisieren, sie geschmeidig machen und natürlich Muskeln aufbauen und Sehnen kräftigen, ohne sie mit dem Gewicht einer Reiterin/eines Reiters und deren/dessen vielleicht vorhandenen Sitzproblemen zu belasten. Auch nach (ausgeheilten) Verletzungen oder Erkrankungen der Vorderbeine ist es sinnvoll, so zu arbeiten, dass das Gewicht von der Vorhand auf die Hinterhand verlagert wird und neue, gesunde Bewegungsmuster erlernt werden.

Maracuja, meine Haflingerstute, hat leider immer wieder Probleme mit ihren Vorderhufen. Durch eine starke Fehlstellung hat sie beidseitig Hufknorpelverknöcherungen und wiederkehrende Hufrehe. Die folgenden Fotos sind aus September 2020: Die meiste Zeit des Jahres hatte ich mit Spazierengehen verbracht, im Herbst wieder mit der Arbeit an der Hand begonnen.

Maracuja fehlte damals also noch viel Muskulatur, ihr fiel es schwer, den Brustkorb deutlich anzuheben, die Hanken zu beugen und eine durchgehende Beizäumung zu zeigen. Dazu ist sie von Natur aus wenig geschmeidig und auf der Vorhand, ihre Grundgangarten sind eher kurztrittig und flach, ihre Motivation für vorwärts und Anstrengung sind eher gering. doch sie bemühte sich in allen Lektionen sehr. Die Pferde merken recht schnell, wie gut ihnen die korrekte Gymnastizierung tut, wenn sie die Freude an ihrer Kraft und ihren Bewegungsmöglichkeiten (wieder)finden. Dann sehen wir stolze und ausdrucksstarke Tiere.

Im Folgenden zeige ich einige Ausschnitte aus dem Training.


Eine gute Lektion zum Aufwärmen: Übertreten

Ausgeführt auf der Volte auf mindestens 4 Hufschlägen und eher geradem Pferd ist das Übertreten eine lösende und stark mobilisierende Übung, Gut erkennbar ist das Kreuzen der Hinterbeine.

Durch das breite Seitwärtstreten der Hinterbeine werden etwa das Hüftgelenk und der Lendenbereich durchbewegt. Sehr gut erkennbar: Die Vorderhufe fußen in dieser Übung voreinander - das Pferd fällt nicht über die Schulter und muss den Rumpf anheben!

Der angenommene äußere Zügel hält das Pferd gerade. Die Bauch- und Brustmuskulatur beginnt zu arbeiten, der Brustkorb wird aktiv hochgedrückt.

Übertreten im Trab: Das Pferd gelangt zu einem ersten Verständnis von Versammlung - Maracuja bietet erste Ansätze dazu nun nach Aktivierung der dafür nötigen Muskulatur in dieser Übung von sich aus an.

Nach einigen Momenten der Versammlung lasse ich das Pferd wieder mehr vorwärts gehen. Lockeres Übertreten mit durchhängendem Zügel und stärkerer Biegung dehnt die Außenseite des Pferdes, fördert das Anheben und Vorgreifen des äußeren Vorderbeins und bringt das ganze Pferd zum Schwingen. Diese Übung sollte allerdings erst ausgeführt werden, wenn das Pferd gelernt hat, nicht auf die äußere Schulter zu fallen und sich im Rumpf zu stabilisieren! Gut erkennbar ist hier, dass das innere Vorderbein senkrecht steht und das Brustbein nach hinten-oben "gesogen" ist.


Der Spanische Schritt: ist ebenfalls eine hervorragende Übung für mehr Schulterfreiheit. Zu beachten ist, dass nicht bloß das Vorderbein nach vor gestreckt wird, sondern zuerst der Brustkorb angehoben wird und das Pferd die gesamte Schulter anhebt. Ebenso wichtig dabei - das Vorwärts!

Maracuja hebt das Vorderbein aus der Schulter - man beachte, wie hoch die Brustmuskulatur und der Ellenbogen des rechten Vorderbeins im Vergleich zum linken ist!

Um dem Pferd das Vorwärts zu ermöglichen, achte ich darauf, seitlich vom Pferd zu stehen und mich nach vorn zu drehen, um dem Pferd den Weg freizugeben.

Noch einmal gut zu sehen die angehobene Schulter und der Unterarm, der in Streckung noch in der Waagrechten ist. Einen guten Spanischen Schritt erkennt man auch daran, wie laut das Pferd den Huf wieder auf dem Boden aufsetzt - die Kraft sollte bis dahin ausreichen, das Bein darf nicht über Schwungholen nach oben oder vorne gerissen werden, sondern langsam und kraftvoll nach vorne und zu Boden geführt werden und damit wirklich leise auf dem Boden aufsetzen!

Maracuja zeigt auf diesem Foto bereits die Idee, im Spanischen Schritt ihre Tritte zu diagonalisieren. Man kann den Spanischen Schritt nämlich sehr gut für die Erarbeitung der Passage nutzen!


Die Piaffe: ein langer Weg bis zur Perfektion

Die Piaffe ist ein Meilenstein in der Ausbildung eines Pferdes und verlangt viel Vorbereitung sowie ein hohes Maß an Kraft und Koordination. Bis sie wirklich gut ausgeführt wird, können mehrere Monate bis Jahre vergehen. Maracuja hat nach der langen Pause noch zu wenig Kraft, um den Brustkorb dauerhaft anzuheben und die Hanken korrekt zu beugen. Das Vorderbein ist noch etwas rückständig, das Becken zu sehr abgekippt, die Gelenke der Hinterhand noch zu offen. Das Augenmerk liegt in dem Moment mehr darauf, den Takt zu erhalten. Maracuja tendierte früher gerne dazu, in einem Viertakt zu "tölten", anstatt korrekt im Zweitakt zu piaffieren. Dies passiert schnell, wenn man die Piaffe aus dem Schritt beginnt oder zu häufig aus dem Schritt piaffieren lässt. Für Maracuja ist also der Trab die richtige Gangart. Viele Rückwärts-Trab-Übergänge, Seitengänge im Trab und vor allem Übergänge in Seitengängen (bspw. Schulterherein-Rückwärts in Schulterherein-Trab) sind nötig, um die besten Voraussetzungen zu schaffen. Gerade bei der Piaffe ist es wichtig, nicht von Anfang an eine perfekte Ausführung zu erwarten oder zu fordern; besser ist es, alle Einzelbausteine getrennt zu üben und allmählich zusammenzusetzen. Nach dem Erhalt des korrekten Zweitakts möchte ich mehr Hankenbeugung und ein senkrecht stehendes Vorderbein erarbeiten, mehr Geraderichtung, dann die Kadenz und eine schöne Beizäumung.


Kreative Fehlinterpretationen oder kraftvolle Ausweichversuche


Aus der Piaffe lässt sich passabel angaloppieren - Maracuja kennt den Galopp an der Hand, den sie aber gerne auch von sich aus anbietet, wenn ihr das Piaffieren zu anstrengend wird. Mit Schwung hochhüpfen ist einfacher als langsame, federnde Tritte zu machen, und sich mit beiden Vorderbeinen zugleich abstoßen weniger kräfteraubend ;) Ich finde das aber keineswegs problematisch, sondern eher charmant: Maracuja zeigt keinen Unwillen und geht nicht gegen mich oder die Gerte, sie fragt mich bloß, ob ich nicht doch etwas anderes gemeint haben könnte... Maracuja bietet mir oft eigene Ideen an und ich nehme diese gerne an, wenn sie einen Aspekt der korrekten Gymnastizierung fördern (und dazu gehört auch die Motivation des Pferdes!).


Versammelter Trab: Federkraft durch Körpersprache

So wie es Ziel beim Reiten ist, das Pferd mithilfe des Sitzes dressurmäßig zu bewegen, so möchte ich am Boden meine Körpersprache einsetzen können (wobei der Sitz auch Körpersprache ist und, wie man am Foto sieht, spiegelt meine Körpersprache auch meinen Sitz). Ohne vorhergehende Arbeit mit Gebiss und Gerte hätte ich Maracuja die gewünschte Haltung allerdings kaum erklären können. In diesem Fall "trabe" ich selbst "versammelt" rückwärts und freue mich über Maracujas Antwort, kraftvolle, federnde Trabtritte zu zeigen und sich selbst beizuzäumen.


Die Traversale: Prüfstein aller Bausteine

Die Traversale sollte nicht als eigene Übung betrachtet werden, sondern immer die Überprüfung der bisherigen Arbeit darstellen - funktionieren alle Bausteine der korrekten Gymnastizierung - in einer Lektion? Kann ich mein Pferd aufrichten, sein Unterkiefer mobilisieren, es korrekt biegen, geht es vorwärts, kann ich die Bewegungsrichtung beeinflussen, die Schulter verschieben, die Vorhand beständig vor der Hinterhand halten, bleiben Hinterhand und Vorhand auf der vorgegebene Linie, habe ich einen flüssigen Takt? Bleibt das Pferd dabei noch stabil im Rumpf, leicht in der Hand, beweglich im Bein?


Zwischendurch: Dehnung und vorwärts

Nach der Arbeit an der Versammlung muss immer eine längere Phase der Entspannung, der Dehnung und des Vorwärtsgehens erfolgen. Maracuja zeigt vor, wie sich die vorangegangene Aufrichtung und Schulung der Tragkraft positiv auf die Dehnungshaltung auswirkt - der Kopf kommt nicht zu tief, der Hals ist maximal waagrecht, die Nase ist vorne, während der Widerrist deutlich angehoben ist und das Hinterbein (ohne Treiben!) fleißig nach vor greift.


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